Verena von Kerssenbrock (Hrsg.)    

Die Münchner Künstlerfamilie Max

Feldpostbriefe 1914–1918    


Verena von Kerssenbrock (Hrsg.)
Die Münchner Künstlerfamilie Max

Feldpostbriefe 1914–1918
608 Seiten, 294 Abbildungen, z.T. in Farbe, Pappband, 17 x 24 cm,

Fadenheftung, € 38,–, Concetto, Lesarten der Künste, Band 6
ISBN 978-3-89235-806-0

am 6. Dezember 2017 erschienen

Aus der Münchner Künstlerfamilie Max werden die beiden als Maler tätigen Söhne des berühmten Gabriel von Max – Corneille und Colombo – 1914 in den Kriegsdienst einberufen. Der 1875 geborene Corneille kommt zum Landsturm, der 1877 geborene Colombo wird Unteroffizier in der Landwehr. Der Nachlass im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und die Bestände der Familie enthalten die gesamte „Feldpost“ Korrespondenz von Colombo mit seiner Frau Paula. Er lehnt den Krieg zutiefst ab, aber er berichtet fast täglich von seinen Erlebnissen und legt den Briefen Zeichnungen bei, sie dagegen erzählt ihm von den Zuständen in der Stadt München. Neben den Kriegsereignissen treibt ihn die Sorge um die künstlerische Hinterlassenschaft seines 1915 gestorbenen Vaters, mit dem er ein Atelier geteilt hatte. Auch sein Bruder und andere Verwandte sind an der Korrespondenz beteiligt. Paula wird von der befreundeten Familie des Bildhauers Adolf von Hildebrand mit dem Sohn und den fünf Töchtern unterstützt, sie kämpft gegen Hunger, Scharlach und Spanische Grippe. Sie berichtet noch anschaulich von der Revolution in München, bis Colombo, der im Soldatenrat tätig ist, endlich im November 1918 zurückkehrt.
Verena Kerssenbrock, eine Ur-Enkelin von Colombo Max, hat die Auswahl aus der Familienkorrespondenz zusammengestellt und einen Lebensbericht verfasst, der die Jahrgänge der Feldpost umrahmt. Zuerst wird die Vorgeschichte des schreibenden Paares in der Welt der Münchner Künstler dargestellt, und nach den Briefen werden die Familienereignisse weiter verfolgt. Paula stirbt 1935 und der Sohn Thomas Max wird im April 1945 als Kämpfer der Freiheitsaktion Bayern ermordet. Der Maler Colombo arbeitet künstlerisch bis ins hohe Alter und stirbt 1970.


Zitate aus dem Buch:

# 45, Colombo Max:                                               Comines, 12. Nov. 1914

Ich kann mir nicht denken, dass der Krieg noch lange dauern kann. Wir stehen bei der Schlacht vor Ypern. (...) An das Wiedersehen traue ich mir nicht zu denken. Aber Sehnsucht habe ich oft große. Bete, dass der Krieg bald zu Ende ist. Neulich habe ich einen Buben gesehen, der ähnelte Tommi sehr. Das sollen unsere Feinde sein. Ich verstehe nicht. Tausend Grüße und Küsse Dein Colomb (S. 64)

 

# 54, Colombo Max:                                               Mouvaux bei Roubaix, 13. Dez. 1914

Liebe Pauluscha!

Ich habe jetzt wohl oft Zeit, komme aber doch nicht zum Schreiben. Also seit mehr als 8 Tagen sind wir die Hanse im Glück. (...) Eine Hausfrau mit Kind und Großmama macht uns Kaffee und was wir wollen. Ihr Mann ist im Krieg. Sonst werden wir aber gut behandelt. Die gutmütigen deutschen Barbaren. Wir teilen unser Essen mit den Leuten, die ja den Krieg gar nicht verstehen oder begreifen. Sie leiden nur sehr darunter. Das schwierigste ist, Brot zu bekommen. (S. 73)

 

Colombo Max in einem Gebetbuch, er schreibt 1915:

„Ein Soldat kann kein Christ sein. Also mit dem Staate oder mit dem Christentum muss gebrochen werden. Vor dieser Wahl steht jeder Soldat. Pfarrer, die das bestreiten, haben das Christentum nur gelernt, aber nicht erfasst.

Es wird oft behauptet ein Reich mit Völkern verschiedener Rassen und Sprachen könne es nicht geben. Und jetzt hört man immer ein Lob über Österreich singen. Aus was besteht denn das?

Könnte man da nicht auch eine Europäische Union für möglich halten.“ (S. 32/33)

 

# 95,  Colombo Max:                                                          28. April 1915

In den Zeitungen wird nur über den Krieg geschrieben. Aber noch nie habe ich einmal gelesen, dass sich ein Mensch über den Krieg geschämt hätte. (S. 132)

 

#  151, Colombo Max:                                                        12. Oktober 1915 in der Beichte

Ich sagte, dass ich es für eine Sünde halte, dass ich Soldat bin und dem Mord Vorschub leiste. Auch dass ich zu wenig Demut habe. Für das erste hatte er die allbekannte Entschuldigung. Unter anderem, dass der Krieg ein Gottesgericht wäre. (S. 197)

 

#  154, Corneille Max:                                            21. Oktober 1915

Über Massenmord ect. rede ich lieber gar nicht. So lange es noch Zeit war, wurden die Friedensbewegungen verlacht und vernachlässigt, jetzt da das von uns so oft vorhergesagte Elend da ist, hat sich darüber empören und darüber aufregen gar keinen Sinn. Wenn der Krieg vorbei ist, muss aber doppelt gearbeitet werden, dass so etwas entsetzliches nicht mehr vorkommt unter sogenannten Kulturmenschen.

Es hätte keine bessere Reklame gemacht werden können für die internationale Friedensbewegung, als sie dieser Krieg gemacht hat. (S. 205)

 

# 169, Colombo Max:                                                         Annveullin 25. Dez. 1915

Dieses Weihnachten werde ich nie vergessen. Unsere Batterie steht jetzt noch viel weiter vorne in La Bassée. Das Artilleriefeuer hörte die ganze Nacht nicht auf. Dabei Weststurm mit abwechselnd Gewitterregen und verträumtem Mondschein. In den Ortschaften überall beleuchtete Christbäume in den Quartieren. In der Totenstadt La Bassée, wo alle Soldaten sich nur in den Kellern aufhalten können, alle besoffen. Überall dringt wüstes Geschrei aus den Kellern. Von unserer Batterie keine nüchtern, nichts weniger als Weihnachtsstimmung, Kartenspiel, brutaler Rausch, vielleicht sich betäuben. Dabei Alarmbereitschaft. Ich sagte zu einem: „Ich kann die Schießerei nicht verstehen, drüben sind doch auch Christen.“ Antwort: „Na, da san lauter Engländer.“ (S. 222)

 

# 188, Colombo Max:                                                         Evin- Malmaison, 30. Jan. 1916

Liebe, liebe Paula!

Denke Dir, was mir vorhin passiert ist. Ein Franzose und seine Frau haben mich geküsst. Du lachst. Die Sache ist so: 300 Zivilisten mussten plötzlich diesen Ort verlassen. Das 60 jährige Ehepaar, wo ich im Quartier bin, auch. Ein großer Jammer. Viele Familien mit Kindern mussten weg und die Häuser im Stich lassen. Meine Hausleute hatten nicht mehr Zeit, all ihre Sachen zu Verwandten in Sicherheit zu bringen. Ich sagte, solange ich hier bin, werde ich aufpassen. Nun habe ich mein ganzes kleines Häuschen für mich. Die Leute haben alles hergerichtet. Kohlen, Kaffee, Zucker, ein halbes Huhn und alles was man so braucht für Hauswirtschaft. Sie legten mir alles ans Herz. Wie sie weg mussten kam die Rührung und sie verabschiedeten sich bei mir, als ob ich vom Haus wäre.  (S. 244/5)

 

# 231, Colombo Max                                                          25. Juni 1916

Liebe, liebe Paula!

Denn in der Luft knattern die Maschinengewehre der Flieger und krachen Schrapnell. Ferner rollt der Donner der Geschütze. Der Geistliche spricht von Liebe und dem Hauptziele, die Liebe Gottes zu erwerben, bittet um unseren Sieg. Drüben bei den Engländern wird dasselbe gesagt. Ich werde mir über die Sache nicht klar. Sind die Menschen so fantasielos oder ist der Krieg nichts Schlechtes?    (S. 287)

 

# 238, Colombo Max:                                                         11. Juli 1916

Aber überall sind ja die Kämpfe so furchtbar, dass wir noch Gott danken dürfen, dass wir hier sind. Europa ist das große Schlachthaus der Welt. Eine nette Errungenschaft nach so langen Kulturanstrengungen.  (S. 296)

 

# 249, Colombo Max:                                                         3. Sept 1916

Liebe gute Paula!

Heute wäre ein schöner Sonntag, es ist auch schön Wetter. Ich war gerade in der Feldmesse, die aber in einem fort durch feindliche Flieger gestört wurde. Jedes Mal, wenn er in der Predigt anfing: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“, fing ein 100 Meter weit entfernt stehendes Maschinengewehr an zu feuern. Also meist kein Wort zu verstehen. Nebenbei auch der Lärm der Kanonen und Schrapnelle. Der Altar war unter Bäumen auf einem Munitionslager von 21 Granaten aufgebaut. Der Pfarrer war sehr materiell. Ich kam wirklich nicht in Andacht. (...) Die nächsten Dörfer werden mit schweren Granaten beschossen, dass der Boden zittert. Feldartillerie lärmt unausgesetzt. Im Park spielt Militärmusik. Infanterie übt mit Handgranaten. Flieger werden beschossen. Kämpfen in der Luft. Ein Maschinengewehr poltert ganz neben unserem Hof. Das ist so ein stiller Sonntag. Ein Teil unserer Mannschaft musste in den Gottesdienst, der andere in die Desinfektionsanstalt. (...)

Oh Paula, wenn nur einmal, einmal ein Ende zu sehen wäre. (S. 308/9)

 

# 269, Colombo Max:                                                         Selvigny, 6.XII.1916

Liebe, liebe Paula!

Gestern habe ich mich wieder gelaust und unter anderem eine riesige Mutterlaus gefunden. Ich habe sie lebend in einer Schachtel aufbewahrt. Soll ich sie Dir schicken? Vielleicht ein gutes Mittel gegen „Hurra!“ Patrioten?  (S. 325)

 

# 284, Colombo Max:                                                         Straßburg, 5.II.17

Liebe Paula!

(...) Das Schrecklichste ist die Kriegserklärung von Amerika. Das letzte hoffnungsvolle Land. Jetzt können wir nicht mehr damit liebäugeln. Es kommen noch schreckliche Zeiten. (...) Heute bin ich wieder Typhus geimpft worden. (S. 338)

 

# 374, Paula Max:                                                   Sonntag, 14. Okt. 1917

Lieber, lieber Colomb!

(...) Weißt Du, wie Harden unseren Reichskanzler nennt? „Reichskanzler – Ersatz“. Es wäre gut Reden in einem Jünglingsverein zu halten ect. Harden spricht von unserem Kinderland, nicht bloß Vaterland. Er will, dass wir für unsere Kinder sorgen. Keine Kriege mehr. Er ist davon überzeugt. Es müsse ja abgerüstet werden für immer nach Friedensschluss. Schon aus Klugheit, aus Pekuniären Gründen des deutschen Reiches und überhaupt. Er meint halt, dass es uns am ehrlichen Willen fehle. Gewiss, wenn wir uns friedfertig zeigen, würden die anderen auch Frieden machen. Die – leider größere Menge der Lungenhelden im Inland sei aber immer für Sieg, d.h. für einen Sieg mit Landgewinn. Als ob Deutschland nicht vordem auch glücklich gewesen wäre.  (S. 438)

 

# 418, Paula Max:                                                   28. Januar 1918

Merkwürdige, merkwürdige Ansichten hat diese Vaterlandspartei. (...) Denke Dir, sie sagen, es sei eine große Rundfrage an alle Soldaten an der Westfront gerichtet worden und alle seien fürs Weiterkämpfen, kein einziges „Nein“ sei gekommen und alle freuten sich auf die Offensive. Ich war starr und hätte sagen mögen: „Und ich kenne keinen einzigen Soldaten, der nicht für sofortigen Frieden (und Verständigungsfrieden) ist.“   (S. 485)

 

# 475, Colombo Max:                                                         Berlin, 17. Okt. 1918, Donnerstag

Liebe, liebe gute Paula!

Hier ist es schrecklich. Berlin und Militär zusammen, das ist das Furchtbarste, was es auf der Welt gibt. (...) Das ganze Haus Hohenzollern hängt an der Wand. Wir liegen zu 80, wie die Schweine zusammen, kaum, dass man sich umdrehen kann. Staub, Dreck und Luftheizung. Ein Eldorado für die Grippe. Der Boden hat nie Wasser gesehen. Behandelt werden wir, wie die Rekruten. Mein Vorgesetzter ist ein Gefreiter. Alles flucht, ekelhafte Preußenstimmen. In der Kantine sind nicht einmal Tische.

Jetzt weiß ich es sicher, Berlin war der Seuchen und Kriegsherd. (S. 542/3)

 

# 479, Paula Max:                                                   (Mittwoch) München, 30. Oktober 1918

Lieber, mein Liebster Colomb!

Endlich komme ich zum Schreiben. Wollte zuerst noch gestern Abend nach Heimkommen schreiben, aber es wurde ½ 1 Uhr nachts, bis wir zu Hause waren. (...) Denke Dir nur, nun kann man nicht mehr so einfach nach Murnau. Vom 1. Nov. ist jeder Privatverkehr gesperrt (wegen Ernährung heißt es). Ohne ärztliches Zeugnis dürfte ich also nicht reisen. (S. 547)

 

# 482, Paula Max:                                                   München, Mittwoch 6. November 1918

Lieber, lieber Colomb!

(...) Heute wollte ich doch nach Murnau reisen, hatte Zeugnis, alles hergerichtet, Zimmer bestellt. Tommi hatte aber gestern gegen Abend wieder 37,6 und war so matt, dass ich ihn zu Bett legte. So reise ich nicht. Es ist schrecklich. Wenn es nur endlich zu einer Entscheidung käme. Gestern Vormittag hatte wir einen Schrecken. Um 10 Uhr großer Fliegeralarm. Sirenen und Bombenschüsse. Ein schauerlicher Lärm. (...) Wie Du aus der Zeitung gelesen haben wirst, war es ein Irrtum. Es waren österreichische Flieger, die sich verflogen hatten. Gefasst sind wir ja schon auf Flieger hier. (..) Eben wieder --- S i r e n e n --- !!! – Aber keine Bombenschüsse. Da kennt sich kein Kuckuck aus. Ich gehe nicht in den Keller. Ich will jetzt Mittag essen. München ist entsetzlich. Eben 2tes Sirenenzeichen! Ohne Schießen! Soll das heißen 1.tes Zeichen. Sie kommen wohl in 50 Min. Wieder Sirene. – Scheußlich! – Man kennt sich nicht aus. Die Trambahn geht aber. Wer kennt sich aus??

So: ½ 2 Uhr. Jetzt ist es vorüber. Wir waren doch unten, nachdem auch die Bombenschüsse krachten. (S. 552)

 

# 484, Paula Max:                                                   München, 8. Nov. 1918

Mein lieber Colomb!

Ich will Dir von Anbeginn alles erzählen, was ich selbst gesehen und alles, was ich gehört. Es war ein aufregender Tag gestern. Vorgestern, der Fliegeralarm war ja eine Kleinigkeit dagegen. Es hieß, um 3 Uhr sei eine große Versammlung auf der Wiesn. Wir hatten natürlich alle daran ein großes Interesse. (...) Wir sahen eine riesige Menschenmenge zusammenkommen. Die Hänge waren ganz schwarz. Es waren vielleicht 150 000 Menschen. Nachdem an verschiedenen Stellen Reden gehalten waren, setzen sich alle in Bewegung. Einige große rote Fahnen und Schilder immer dabei. Der Zug wurde gemeinsam angeführt von Auer und Eisner.

Zunächst ging es zu den Kasernen. Dort würden die Soldaten, welche Ausgehverbot hatten, befreit werden. Eigentlich gesprengt wurden die Kasernen. (S. 555)

 

# 492, Paula Max:                                                   München, 15. Nov.1918

Lieber, lieber Colombo!

Die Welt ist rund und mir kommt es wie ein Bild immer vor. Zuerst standen oben die Herrscher und Generäle und die alle, die führen, und die Soldaten unten und – eine Drehung und alles ist umgedreht. --- Das Leben macht Wellen. (...)

Wenn ich mal wieder Kartoffeln und alles richtig und genug und Frieden habe, will ich auch so eine kleine Tochter. Absolut! Sehr schöne Sonne ist heute. Aber kalt! Und Republik! Und Demobilmachung. Ich bin konfus. Und an was ich alles denken soll. Und jetzt stinkt gerade der Ofen. Ich kenne mich gar nicht mehr aus. Ich höre auf.  (S. 566/7)